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Leseprobe - Unveröffentlicht

Im Pool

Nun habe ich hier einige Zeit, viel Zeit. Der Anzug, es ist das neueste Modell und es gibt nur diesen einen, ermöglicht mir dabei zu sein, bei etwas bis dahin kaum denkbaren. Der Anzug ermöglicht mir, mittendrin zu sein, in einer Umgebung, die mich sonst innerhalb von Sekundenbruchteilen getötet hätte.

Hier sitze ich nun im Pool, ein paar dutzend Meter hinter mir der für mich temperierte Wohncontainer, der Weg zwischen Pool und Container verändert sich hier stündlich, alles ist in Bewegung – alles ist im Fluss, deshalb suchte ich den nächstmöglichen irgendwie stabilen Ort für den Container, der dennoch so nah wie möglich am Pool ist. Tagsüber ist es gleißend hell, Aleanskyrd A ist sehr nah an seiner Sonne. Und nachts ist es immer noch recht hell, aber schattenlos rötlich – die Umgebung leuchtet. Nicht etwa radioaktiv, auch wenn mir das in dem Anzug eher nicht geschadet hätte, sondern weil es hier so heiß ist. Der Pool ist übrigens noch heißer, hier ist das Gestein dünnflüssig, während es am Rand pastös ist, und weiter nach außen hin, zu meinem Container, immer fester wird, freilich ohne richtig auszuhärten.
Hier sitze ich nun im Pool der natürlich kein Pool sondern ein See ist – umringt von etwa Handteller großen...ja was genau? Einen Namen für sie gibt es noch keinen. Ich kann ihnen zwar einen geben, aber dieser wird von der Kommission sicher nicht übernommen werden. „Silicimagmaphagus natans Berger,“ das wäre fein.

Ja, die Kleinen leben, schwimmen, bewegen sich, also müssen sie fressen und sich fortpflanzen. Sie sehen aus wie Tennisbälle mit Rastazöpfen. Doch, das passt ganz gut. Manchmal fällt einer der Zöpfe ab. Ob dieser dann tot ist, „defekt“, Ausscheidung oder Knospe – das herauszufinden ist auch Teil meiner, Astrogeobiologe Bergers Aufgabe.

 

Erste Einsichten habe ich tatsächlich schon bekommen: Die Außenhüllen der Tennisbälle und der Rastazöpfe bestehen aus Siliziumkarbid, umgangssprachlich „Karborund“. Ich habe es noch nicht übers Herz gebracht einen der Kleinen „der Wissenschaft zuzuführen“, sprich: zu zerlegen. Aber ich vermute anhand eines der manchmal abgestoßenen Zöpfe, auf einen davon bin ich versehentlich getreten, dass das Innere aus flüssigem Siliziumdioxid - vereinfacht: Glas – besteht.

 

Im Vorfeld meiner Mission wurde natürlich besprochen, wie man sich einen hier möglichen Stoffwechsel vorstellen kann. Da gibt es verschiedene Möglichkeiten, etwa die „Veratmung“ von Silizium zu Siliziumdioxid, oder von Eisen sowie von Schwefelwasserstoff. Die Zeit wird zeigen, wie es wirklich ist. Spannend ist auch, wie die Erbinformation funktioniert, das heißt: woraus besteht diese? Was genau definiert die Information? Hier vermute ich, dass ihre Grundstruktur aus Karborundkristallen besteht und das hier allgegenwärtige Eisen Fehlstellen darin bildet, die dann die Information darstellen und, wie bei Kristallwachstum häufig, weitergegeben werden. Das aber wäre spektakulär: Die Außenhülle ist zugleich das Genmaterial! Das würde das ansonsten doch sehr langsame Kristallwachstum beschleunigen. Freilich gibt es noch eine Reihe anderer denkbarer mineralischer Kristalle wie sie auch bei uns zuhause vorkommen, aber die dafür nötigen Minerale habe ich bisher nicht in erforderlicher Menge nachweisen können.

 

Die Kerlchen sind goldig. Sie wimmeln um mich herum, nehmen engen Kontakt mit mir – genauer: mit meinem Anzug – auf, knabbern daran.

Und die Kerlchen sind gewitzt. Setze ich mich in den Pool, schwimmen sofort einige auf mich zu. Warum eigentlich? Ihr Ernährungsweise basiert nicht auf „Fressen und gefressen werden“, sie ernähren sich, wie schon beschrieben, auf chemischer Grundlage; mit dem Fleisch im Anzug könnten sie nichts anfangen. Andere aber schwimmen von mir weg, wohin, habe ich noch nicht festgestellt, und kommen kurz danach mit einer größeren Anzahl von Artgenossen wieder. Könnte es sein, dass sie Staaten bilden? Jedenfalls kooperieren sie, und das bedeutet auch, dass sie gezielt und planmäßig vorgehen können.

 

Man kann sich an sie gewöhnen, wie sie mich erkunden, und manchmal gar ein paar Zentimeter aus ihrem „See“ an mir hoch, das heißt an meinem Anzug emporklettern.

Und neugierig sind sie auch. Sie erkunden immer öfter meinen Anzug. Natürlich gibt es da einiges zu erkennen, dessen Oberfläche ist nicht ansatzweise so eintönig wie dieser Lavasee, da gibt es viele Strukturen, nicht zuletzt die Anschlussstellen der Einzelteile, aus denen der Anzug besteht, und die ich jeden Tag mindestens einmal trennen und mit einem satten „Klack“ verbinde, jedes mal, wenn ich den Anzug anlege und ausziehe.

 

Jetzt bin ich schon einige Zeit hier, viel neue Fakten über die Rastatennisbällchen habe ich nicht zusammen stellen können, außer, dass sie herausfordernd, bisweilen anstrengend neugierig sind und, sobald ich mich in den Pool zu ihnen setze, immer mehr, immer schneller und immer fordernder meinen Anzug in Beschlag nehmen. Neulich musste ich gar, als ich in meinen Container zurückging, einen von ihnen wieder zum Pool tragen: Er hat sich an mir nicht leicht zugänglicher Stelle des Anzugs in eine Falte verkrallt (vielleicht ist er auch nur hängengeblieben?), und ich hätte ihn beinahe mit in den Container genommen. Nun, andererseits: er wäre dort sofort erfroren, der Container ist ja auf mich temperiert, und ich hätte damit eine gute Ausrede gehabt, einen von ihnen zu sezieren. Sezieren ist natürlich nicht ganz der richtige Begriff: Ich müsste ihn mit der Diamanttrennscheibe zersägen.
Auch klemmen die Trennstellen meines Anzugs immer öfter, besonders beim Öffnen.

 

Gestern Abend hatte ich erstmals ernsthafte Schwierigkeiten, in der Schleuse des Containers meinen Anzug zu öffnen. Kann gut sein, dass das das Ende meiner Mission einläutet, es gibt nur diesen einen Anzug. Einmal aber möchte ich noch in den Pool und schnappe mir eines der aufdringlichen Biester. Das wird sehr einfach sein: ich muss nur beim Aussteigen nicht alle abstreifen, die sich an mich kletten.

 

Ich stehe in der Schleuse, zwei von ihnen klettern auf meinem Anzug herum, aber ich bekomme diesen nicht geöffnet: Der Helm lässt sich nicht vom Brustteil trennen, egal, was ich auch versuche. Ich nehme die Kamera, stelle sie auf einen Sims in der Schleuse, und filme mich von allen Seiten. Ich sehe: Es sind viel mehr dieser Silicimagmaphagus natans Berger als nur zwei, sehr viel mehr: Hunderte mindestens, die meisten sehr klein, offenbar Jungtiere. Und ja: der Anzug muss sehr hitzestabil sein, die Spezialisten auf der Erde haben die Außenhülle deshalb aus einem besonders hitzestabilen Material gemacht: Reinem Silizium. Ich habe mich von den Biestern ablenken lassen. Es hätte mir auffallen müssen: Sie fressen Silizium. Sie haben meinen Anzug als Vorratskammer für ihre Brut verwendet, ihre Brut mit ihrem Siliziumkitt an deren Nahrung: also an meinen Anzug gekittet. Mein Anzug ist ihre Brutstätte, und ich kann den Anzug nicht mehr öffnen.

 

Im Kitt ist alles einzeln und wirbelt um die anderen Einzelnen. Da ist keine Ruhe, es schwirrt und wirrt. Kaum ein Einzelnes unterscheidet sich vom anderen Einzelnen, und falls doch, sind die Unterschiede nur vorübergehend.
Langsam wird es ruhiger. Die einen Einzelnen wirren langsamer um die anderen Einzelnen.
So, wie es langsamer wird, treten die geringen Unterschiede zwischen den Einzelnen hervor. Manche hören auf zu schwirren. Sie bleiben stehen.
So gesellen sich ähnliche Einzelne zu ähnlichen Einzelnen. Das eine Einzelne, unseres, ist auch darunter, unter denjenigen der Einzelnen, die früher aufhören zu wirren. Es bewegt sich nicht mehr von seinem Platz, während die meisten um es herum – nicht alle, aber immer weniger werdend – noch schwirren. Weitere zueinander ähnliche Einzelne gesellen sich zueinander: Es entstehen Schichten.

Die meisten Einzelnen sind sich ähnlich, nur sehr wenige ähneln dem einen Einzelnen, dem unseren, das so früh aufhörte zu wirren.

Es kommt die Zeit, und sie kam, da kein Einzelnes mehr schwirrte, weder unseres noch eines der anderen, alle standen still neben den zu ihnen ähnlichen Einzelnen: Nun sind keine Einzelnen mehr. Unser eines, jenes, das früh aufhörte zu wirren, gehört aber nicht dazu, nicht zu ihnen, ist nicht zu ihnen ähnlich. Dennoch steht es zwischen ihnen, eingebettet ist es in sie – Eines und Nicht-Ähnliches nebeneinander. Die Nicht-Ähnlichen sind zahlreicher, sie kommen von außen hinzu, auch jetzt noch und in Zukunft, werden hineingepresst. Außen schwirren die meisten noch; es gibt Zeiten, da schwirren alle, andere Zeiten, da schwirrt keines – diese Zeiten sind seltener, zumeist schwirren fast alle. Die ähnlichen Einzelnen werden also zu denjenigen, die wir zuvor betrachteten, gesellt, gedrückt, werden stillgelegt, abgelegt; so werden diese immer mehr.

Und wenige Male, mit sehr langen Zeiten dazwischen, kommt eines der zu unserem Einzelnen ähnlichen hinzu, möchte sich zu unserem Einzelnen gesellen – kann das aber nicht, da zu viele Schichten der anderen Einzelnen sie trennen. Aber es gelingt ihm, so nahe wie möglich, durch so wenige Schichten getrennt wie es die Kräfte gerade zulassen, zu unserem Einzelnen zu gelangen.

Und so geschieht es und geschah es mit vielen zu unserem Einzelnen Ähnlichen, und so bilden diese nach langen Zeiten ihre eigene Ordnung, eingebettet in die große Masse der anderen, der nicht mehr Einzelnen, selbst nun Einzelnes und Ähnliches.

©2021-2026 by Michael Fritsche

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