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Paradies, Weizen, Herxheim

- ein Grant

Der biblische Rauswurf aus dem Paradies ist die Aufarbeitung des Menschheitstraumas schlechthin: der Sesshaftwerdung. Der Getreideanbau (mehr oder weniger Weizen bzw. dessen Vorformen) sowie die Nutztierhaltung (in loco) erforderten einerseits Arbeitsteilung (Oberhaupt, Krieger, Arbeiter, mithin Sklaven) und die Einfriedung des Grundes.

Beide Aspekte wurden nachweislich unter Gewaltanwendung durchgesetzt, die es bei nomadisch Lebenden in dieser Schärfe nicht gab. Andererseits ergaben sich dadurch Krankheitsdruck, Mangelernährung, ein Anstieg der Kindersterblichkeit sowie Zahnabrasionen bis hin zur Pulpaeröffnung durch den Sandanteil im Mahlgut.

Dennoch – wie anhand mitochondrialer DNA nachgewiesen werden konnte – waren es maßgeblich die Frauen, die die Nomaden verließen. Ausgerechnet die Frauen, die bei den Sesshaften tendenziell die hierarchisch unteren Ränge bevölkerten und den Umzug mit einer exorbitanten Kindersterblichkeit erkauften.

Im Gegensatz zum Reisanbau, der einen starken sozialen Zusammenhalt erfordert und fördert, ist der Getreideanbau sozial kleinteiliger zu sehen: Er fördert eher Konkurrenz anstelle von Kooperation. Der Aufwand, den Naturvölker heute und erwartungsgemäß unsere Vorfahren früher machten, um Mehl weiß auszumahlen, bezeugt: Getreide ist in beiden Formen problematisch – als Vollkorn durch die Fraßschutzstoffe der Keimlingshüllen, ausgemahlen durch die Blutzuckerlast, die bei Bewegungsmangel die bekannten diabetischen Probleme erzeugt.

 

So oder so, der Zwischenstand lautet: Der Weizen gewann den faustischen Deal durch Kalorien pro Fläche – zum Preis der Erfindung des Krieges, der Sklaverei und der Verschlechterung der Lebensqualität des Individuums.

 

Weiter zu Herxheim: Dort wurden über Jahrzehnte mehrere Tausend Menschen geopfert und zum Teil rituell verspeist. Anhand von Isotopenanalysen weiß man: Die Opfer kamen von weit her, mithin aus Gegenden, die zu dieser Zeit eher noch nomadisch geprägt waren. Waren die Opfer Beteiligte – bzw. Werkzeuge – eines Übergangsritus vom Nomadischen zum Sesshaften? Wurden sie geopfert als Abschied vom Nomadischen? Wurde in Herxheim nicht nur der Nomade, sondern seine gesamte Lebensform ausgemerzt und verstoffwechselt?

©2021-2026 by Michael Fritsche

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